Durch Verzicht zur neuen Bestzeit

von Andreas Oschmann

Die Übergangsperiode und das sich anschließende Wintertraining sind für viele Ausdauersportler die Zeit des permanent schlechten Gewissens. Sie haben sich an hohe Trainings- und Wettkampfbelastungen gewöhnt und sträuben sich gegen das Recht auf Müßiggang. Auch in diesem Fall zeigt mal wieder die Natur den richtigen Weg auf.

Ambitionierte Läufer und Triathleten haben nicht nur das Recht auf eine Pause, sondern sogar die Pflicht dazu! Überall in der Natur findet sich der permanente Wechsel von Aktivität und Passivität, Kommen und Gehen, Auf- und Niedergang. In jedem Ende liegt bereits der Keim für einen Neuanfang. Wenn sich dieses Prinzip seit Jahrmillionen bestens bewährt hat, dann kann es durchaus zur Orientierung dienen. Die Frage ist also nicht, ob eine Trainingspause stattfindet, sondern wie ausgeprägt und wie lang sie sein muss.

 

Dunkle Ringe sind wichtig

„Die Form, die ich im Winter nicht verliere, brauche ich im Frühjahr nicht wieder aufzubauen.“ Diese Aussage scheint im ersten Augenblick logisch und nachvollziehbar. Das ist aber ungefähr so, als würde sich ein Baum entschließen, diesen Herbst mal nicht alle Blätter abzuwerfen. Schließlich bräuchte er dann im nächsten Frühjahr nicht so viele Blätter neu zu bilden. Diese Denkweise motiviert zu Tempoläufen im Winter und Neujahrsläufe werden für das Erreichen persönlicher Bestzeiten genutzt.

Wohlgemerkt, ich habe nichts gegen Silvesterläufe und Winterlaufserien. Ein Baum hört im Winter nicht vollständig auf zu wachsen. Aber er reduziert sein Wachstum stark, und der Jahresring wird dunkler. Diese dunklen Bereiche eines Rings zeichnen sich durch große Dichte, Festigkeit und Belastbarkeit aus. Sie geben dem Stamm zusätzliche Stabilität. Auch Läufer brauchen diese dunklen Bereiche des „Jahresrings“.

Zum Herbst die Ernte einfahren

Wird dieses Prinzip auf den Sport übertragen, so bedeutet es, dass das Training nicht vollständig eingestellt, aber deutlich reduziert werden sollte. Den größten Wachstumsschub erreicht ein Baum im Frühjahr mit der Periode der Blütezeit. Übertragen auf den Sportler, entspricht diese Phase dem ersten Formaufbau, der hauptsächlich durch Steigerungen des Trainingsumfanges erreicht wird. Daran schließt sich der Sommer mit einer weiteren, aber etwas reduzierten Wachstumsphase an.

Der Baum bildet Früchte aus, die aber noch nicht reif für die Ernte sind. Ebenso reduziert der Ausdauersportler seine Trainingsumfänge meist etwas, steigert aber die Intensität. Erste kleine Fortschritte werden so erzielt, die ganz großen Erfolge bleiben oft noch aus. Mit dem Herbst kommt die Erntezeit. Viele Früchte sind ausgreift und können gepflückt werden. Entsprechend sind es die Herbstmarathons, bei denen die meisten Läufer mit neuen Bestzeiten belohnt werden.

Wenn die Formkurve sinkt (feature bei go-coach)

Wie alles, so hat auch die go!-coach-Formkurve zwei Seiten. Einerseits bereitet sie viel Freude, wenn die Form ansteigt. Im Frühjahr ist es immer wieder ein Genuss zu sehen, wie sich die grüne (Form-)Linie langsam aber stetig nach oben bewegt und irgendwann die „Bestform“ des vergangenen Jahres übersteigt. Andererseits führt jedes Absinken der Formkurve zu großer Verunsicherung bei meinen „Coachies“. Gerade in den letzten Herbsttagen bekam ich viele Anrufe, ob das denn alles so richtig sei. Schließlich sei man gerade im September erst persönliche Bestzeit gelaufen.

Nun reduziert go!-coach das Training deutlich, und dahin ist die schöne Form. Kann man da nichts machen? Man könnte, aber man sollte nicht. Es kostet mich oft viel Mühe, meinen Schützlingen klar zu machen, dass das alles seinen Sinn hat. Es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, dass jedes „Aufwärts“ dankend angenommen wird, jedes „Abwärts“ dagegen auf Verunsicherung und Ablehnung stößt.

Wann steigt die Formkurve wieder?

Sobald die ausgeprägte Regenerationsphase (Übergangsperiode) im Oktober und November zu Ende geht und das Wintertraining mit etwas größeren Umfängen beginnt, kommt wieder Leben in die Formkurve. So schnell, wie sie in der Übergangsperiode gefallen ist, so schnell steigt sie jetzt wieder an. Vor allem in den ersten Wochen des neuen Jahres ist dieser Anstieg gewaltig, und entschädigt sehr schnell für Gewissenbisse und Verzicht, die mit dem Abschwung im Herbst verbunden waren.

Doch auch in der folgenden Saison wird es nicht nur aufwärts gehen. Schwankungen in der Tagesform und Durchhänger im Training werden immer wieder zu Formschwankungen führen, die nach der nächsten Trainingseinheit schon beendet sein können. Erst wenn der Zenit des potenziellen Wachstums eines Jahres in erreichbare Nähe rückt, wird es zu einer grundsätzlichen Abflachung der Leistungskurve kommen. Schließlich wächst auch ein Baum umso langsamer, je näher er seiner maximalen Größe kommt.

Der Autor Andreas Oschmann ist der Entwickler der Online-Trainingsberatung go!-coach

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